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Eine Zeitreise mit Wagen 191 hinauf zum Schloss


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SWM-Bus 191: 37kb

Dieser Mercedes-Benz L 608D mit Vetter-Aufbau wurde 1969 an die Stadtwerke Marburg ausgeliefert. Das Foto des Wagens 191 hat aufgenommen.

Hinauf zum Schloss


An der Bushaltestelle vor dem Hotel "Waldecker Hof" warten die Menschen auf "ihre Linie". Ich blicke hinüber zum Marburger Hauptbahnhof. Die Bahnhofsuhr zeigt zwei Minuten vor Zehn. "Langsam könnte die 16 kommen", denke ich. Dann sehe ich einen Bus die Bahnhofstraße herunterkommen.
"16 Schloß" steht in einem kleinen Kasten, der oben hinter der Windschutzscheibe angebracht ist. MR-X 191 lautet das Autokennzeichen; und 191 steht auch als Betriebsnummer auf der leicht vorspringenden Frontpartie unterhalb der Windschutzscheibe.
Zischend schwingen die beiden Türflügel der vorderen Tür vor meiner Nase zur Seite. Ich steige ein in den kleinen Bus und nehme auf dem roten Kunstledersitz hinter dem Busfahrer Platz.
Der Bus wendet vor dem Bahnhofsgebäude und fährt über die steinerne Elisabethbrücke, die kurz vor dem Hauptbahnhof die Lahn überquert. Gut 50 Meter hinter der Kreuzung der Bahnhofstraße mit der Rosenstraße und der Robert-Koch-Straße ist vor "Feinkost Weber" die erste Haltestelle "Hauptpost".
Weitere Fahrgäste steigen zu: Drei ältere Frauen und ein "Hippie" in verwaschenen Blue Jeans mit langen, fettigen Haaren .
Durch die Scheiben blicke ich über die entgegenkommenden Autos hinweg auf das Universitätsinstitut am linken Straßenrand, während der Fahrer die Zugestiegenen abkassiert und ihre Fahrscheine einreißt. Zischend schließt sich die vordere Tür; die Fahrt geht weiter.
Rechts sehe ich jetzt das Hauptpostamt, bevor der Bus nach links in die Elisabethstraße einbiegt. Am Straßenrand stehen immer noch die Betonmasten, an denen bis letztes Jahr noch die Oberleitung für den Obus hing. Auf meiner Seite taucht die frühgothische
Elisabethkirche auf, eines der Wahrzeichen Marburgs.
Wir lassen die Deutschhausstraße gleich hinter der Kirche links liegen und halten kurz darauf vor dem Kaiser´s Kaffee-Geschäft. Gegenüber schaut Emil von Behring - der wohl berühmteste Marburger - uns von einem Denkmal an.
Gebannt betrachte ich eine blonde Schönheit im gelben Minirock, die mit schwingenden Hüften den Bürgersteig entlangggeht. Zwei ältere Frauen in Diakonissenkluft steigen hier ein, ein Mann um die 50 im grauen Anzug und eine jüngere Frau in apfelgrünem Kleid. Erstmals steigt hier auch ein Passagier aus.
Dann schließen die Türen vorne und im Heck. Brummend fährt der Bus wieder an.
Von der Straße mit dem historischen Namen "Pilgrimstein" biegt der Bus rechts ab, um gleich danach wieder links den Steinweg hinaufzufahren. Steil beginnt der Aufstieg in die Oberstadt. Mühevoll quält sich der Bus den Berg hinauf.
Immer wieder müssen wir langsam an entgegenkommenden Autos vorbeifahren. Dort, wo die Straße ihren Namen in "Neustadt" ändert, steht ein Borgward Isabella, den wir ganz vorsichtig passieren. Auf beiden Seiten der Straße säumen Fachwerkhäuser unseren Weg.
An der höchsten Stelle der Straße ist die nächste Haltestelle "Wasserscheide", wo sich in einem alten Fachwerkhaus der Zugang zum 1902 errichteten Oberstadt-Aufzug verbirgt. Eine ältere Frau mit zwei prall gefüllten Plastiktüten steigt zu.
Vorsichtig fährt der Bus nun das leichte Gefälle hinab. Immer wieder laufen Fußgänger vor uns quer über die Straße.
Als links die Baulücke auftaucht, wo bis vor wenigen Jahren noch "Bopp's Terassen" - ein bekanntes Marburger Tanzlokal - gestanden hat, biegt unser Bus rechts ab in die Marktgasse. Nach wenigen Metern erreicht er den Marktplatz, wo er vor dem Marktbrunnen anhält.
Ein junger Mann in dunkelblauem Anzug steigt schwungvoll ein. An der Narbe im Gesicht und seiner bunten Kopfbedeckung ist er unschwer als Verbindungsstudent erkennbar. Als er an meinem Platz vorübergeht, schlägt mir ein leichter Alkoholdunst entgegen.
Der alte Mann, der hinter ihm einsteigt, hat Mühe, sich die drei Stufen in den Bus hinaufzuziehen. Während weitere Fahrgäste ein- und aussteigen, schaue ich durch die Fensterscheibe auf den Markt und das Renaissance-Rathaus an seinem unteren Ende. Ein historisches Uhrwerk macht den Stundenschlag hier jedesmal zu einer Attraktion für Touristen, die den Rathausgockel, den Trompeter und den Tod noch nicht gesehen haben.
Der Busfahrer schließt die Türen wieder. Die Fahrt geht weiter durch die enge Barfüßerstraße, die beinahe eben am Hang entlang verläuft.
Links an der Ecke zum Marktplatz steht das Gasthaus "Zum Ritter". Weitere Fachwerkhäuser lösen sich mit einzelnen Steinhäusern ab.
"Landratsamt" heißt die nächste Haltestelle. Benannt ist sie nach dem großen Verwaltungsgebäude an der Ecke, wo sich die Barfüßerstraße auf zwei Fahrspuren verbreitert und den Namen "Barfüßer Tor" annimmt. Bis hierhin war sie - ebenso wie die Marktgasse - Einbahnstraße.
Aber auch jetzt ist die Straße nicht immer breit genug für eine Begegnung zweier Autos, so dass unser Bus einmal anhalten muss, als ihm ein Goggomobil entgegenkommt. Langsam rollen wir an dem Kleinwagen vorbei, der ganz dicht an den Rinnstein herangefahren ist.
Oberhalb der Straße liegen nun große Villen aus dem 19. Jahrhundert, die sich aber meist in großen Gärten hinter dichten Hecken und hohen Mauern verbergen.
Von rechts kommt eine Straße den Schlossberg herab. Wir biegen ein in den "Rotenberg", um sofort hinter der Einmündung noch einmal scharf nach rechts in die Sybelstraße abzubiegen. Diese Spitzkehre erfordert fleißiges Drehen am Lenkrad, was dem Busfahrer ganze Kraft abverlangt.
Bevor wir die Haltestelle "Sybelstraße" erreichen, müssen wir wieder kurz anhalten, um einen entgegenkommenden Volkswagen vorbeizulassen. Hinter der Haltestelle biegen wir noch einmal ab: Die Lutherstraße führt uns nun den Schlossberg hinauf.
War die Neustadt schon recht steil, so übertrifft die Steigung hier diesen Aufstieg noch. Mühevoll quält sich der Bus den Berg hoch. Ein entgegenkommender Opel Kapitän wartet gottseidank schon weiter oben, so dass wir die Steigung nehmen können, ohne anzuhalten.
In einer Spitzkehre befindet sich die nächste Haltestelle. Jetzt haben wir die Steigung geschafft.
Entspannt steuert unser Busfahrer das Auto nun den Behringweg entlang zwischen dem Carl-Duisberg-Haus - einem modernen Studentenwohnheim - und dem Rosengarten des Schlossparks hindurch zu der kleinen Brücke, über die wir auf den vorderen Schlosshof rollen.
Zischend öffnen sich die beiden Türen vorne beim Fahrer und im Heck. "Endhaltestelle, bitte alles aussteigen!"
Aus: Dirk Dannenfeld und Franz-Josef Hanke, "Mit Hafer, Strom und Diesel - vom Pferdebus zum Niederflurgelenkbus - 100 Jahre Nahverkehr in Marburg", 1999 Omnibusspiegel-Verlag Dieter Hanke, Bonn
Informieren Sie sich auch über die Geschichte der Linie 16 sowie über die Marburger Obusse!
Die Marburger Busseiten hat der Journalist Franz-Josef Hanke zusammengestellt.

Franz-Josef Hankes Marburger Busseiten sind Mitglied bei
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